Koch
Media / Frogwares
Sherlock
Holmes jagt Jack the Ripper
PC-Spiel
Wer ist echt und wer ist falsch? Gut, da es sich um ein
PC-Spiel handelt, sind alle Charaktere fiktiv und Teil der virtuellen Welt, aber
die Frage bezog sich auf die historischen Vorlagen. Und da müssen wir anmerken:
Sherlock Holmes, der Prototyp aller Detektive, der mit detailgenauer Beobachtung
und nüchterner Schlussfolgerung, mit Pfeife, Kokain und Dr. Watson die Londoner
Verbrecher das Fürchten lehrte, ist eine erfundene Romanfigur von Sir Arthur
Conan Doyle. Auch wenn der gute schon so bekannt und gesellschaftlich
einverleibt ist, dass diese Aussage einen verwundern mag. Auf der anderen Seite
aber haben wir es mit einer realen Vorlage zu tun. Jack the Ripper, wörtlich
und auch sinnvoll übersetzt „der Aufschlitzer“, schlich als Bestie durch
das Londoner Prostituiertenviertel und brachte fünf der Dirnen auf grausame Art
und Weise um. Spätsommer bis Herbst 1888 war das. Und genau an diesem Punkt
steigt Sherlock Holmes in fiktiver Weise ein und wir als Spieler dürfen
mitmachen. Anfang September, mit Watson in der Baker Street die Nachrichten aus
der Zeitung goutierend, erfahren wir es. Den ersten grausamen Mord, den der
Spieler im Einstieg schon auf ziemlich unbarmherzige Art und Weise mitverfolgern
durfte. Was also gleich zu Beginn auffällt. Das Spiel ist nichts für schwache
Nerven und die Altersempfehlung mit 12 Jahren ist wirklich die absolute
Untergrenze, ältere Jugendliche oder Erwachsene sind mit dem Spiel wesentlich
besser und dann aber auch bestens versorgt.
Ist ja auch kein Wunder, dass dies einen mitnimmt, denn die
Morde waren gruselig und Holmes ist in Romanvorlage wie im PC-Spiel eben vor
allen Dingen ein Meister der forensischen Analyse. Will so viel heißen wie:
Wenn ich am Hals zwei Schnittwunden finde, dann sehe ich diese mir genauer an
und kann so rekonstruieren, welche Tatwaffe und welche Tathand hier am Werke
war. Anders ausgedrückt: Das dritte medizinische Semester, in dem sich die
Stundenten heuer ausnahmslos mit Leichen auseinandersetzen müssen, ist so ähnlich.
Nur fas diesem Semesterablauf der Spaß und die packende düstere Atmosphäre
fehlt. Frogwares ist hier ein echter Schocker gelungen, der aber nicht brutale
splattert, sondern den eleganten Stil und die nüchterne Analyse Holmes in den
Mittelpunkt stellt.
Grafik, Sound und Effektverarbeitung sind auf dem neuesten,
und somit einem hervorragenden Stand. Der Bildfluss ist weich und die
dynamischen Übergänge einwandfrei. Sprecher und Geräusche sind wie bei einem
guten Hörbuch, an mancher Stelle hat man den Eindruck es mit einer sehr berühmten
Hollywood-Synchronisations-Stimme zu tun zu haben. Die Rätsel sind nicht allzu
schwer und vielfach, Holmes Tradition gerecht werdend, auf Dialoge, Analyse und
Herleitungssequenzen ausgerichtet. Besonders toll ist die Tatherleitung mit
Indizienuntersuchung und anschließender Rekonstruktion, die wie alle anderen
Aufgaben auch, erst einmal gelöst werden wollen, damit es weitergeht.
Grapisch ist das Spiel komplett in 3D produziert, was den
Spielablauf, wir kennen das von anderen Spielen schlechter, gar nicht stört. Im
Gegenteil: ruckelfrei und geschmeidig laufen die Bilder ineinander über. Zudem
hat man die Wahl der Egoperspektive oder der klassischen Adventure-Perspektive,
heißt also: den zu steuernden Charakter kann man während des Handelns
beobachten.
Fazit: Ein vor allen Dingen von der Atmosphäre getragenes,
intensives Spielerlebnis. Hier geht es um den Aufschlitzer, der gefährlich
durch die Straßen schleicht. Und während man ihm beim Morden zusieht, wird
einem etwas mulmig. Die technischen Umsetzungen sind wunderbar, und als Bonus
gibt’s in der limitierten Erstauflage auch noch drei Folgen auf einer DVD von
filmischen Holmes-Abenteuern. Als nettes Präsent für die Interessierten, die
von Analyse, von Spannung und von kombinatorischer Meisterhaftigkeit nicht genug
bekommen können. Hier sind sie bestens bedient!
M Gerhards
Wir danken dem Verlag/Hersteller für die freundliche
Bereistellung eines Rezensionsexemplars!