Im Theater des Teufels
Telltale Games / Daedalic Entertainment
Elf skurrile Episoden Hund mit Hase
Mittlerweile sollten auch die letzten Verweigerer registriert haben, dass der elektronische Spielemarkt, der in den 1980er Jahren noch ein nerdiges Vergnügen gewesen ist, in der Welt der Allgemeinheit angekommen ist. Fußballspiele dürfen mittlerweile ganze Sportsendungen präsentieren und ehemalige Insiderhelden wie Zak McCracken oder Guybrush Threepwood tauchen in moderner Literatur wieder auf. Für Spieler der ersten Stunde schon ein eigenartiges Gefühl mittlerweile dem Mainstream anzugehören. Aber geil ist, was gut ist. Und seit 18 Jahren gehört die durchgeknallte Freelance Alliance aka Sam and Max zur ausgesuchten Elite.
Ehrlicherweise muss man attestieren, dass die Vorlage tatsächlich nicht im Hirn eines Computererfinders entstanden ist, sondern 1987 von Steve Purcell als Comicstrip erdacht wurde. Aber, und da schließt sich der Kreis, just jener Purcell war es, der für Lucas Arts die Titelbilder zu Maniac Mansion und Zak McCracken entwarf; und selbstredend der Mastermind an der übrigens letzten Diskettenversion eines Lucas Arts Spiel überhaupt war, dem noch heute kultigen Sam and Max - Hit the Road.
Damals heimsten der große Hund im Al-Capone-Stil und der weiße Hase, den Jefferson Airplane schon vor dessen Zeugung besangen, dicke Review-Preise ein, auch die 2005 von Telltale Games neu aufgelegten Episoden stießen bei den Fans auf großes Echo. Daedalic Entertainment verlegt die eingedeutschten Versionen dieser neuen Staffeln und just ist die dritte mit fünf weiteren Episoden erschienen. Episoden?, wird mancher fragen. Wie schon beim letzten Teil von Monkey Island ist man auch bei den neuen Sam-and-Max-Abenteuern auf diese Spielkunst umgestiegen. Das orientiert sich am Millenniums-Serien-Fieber und bietet ganz einfach die Option, mehrere in sich abgeschlossene Geschichten auf einer DVD unterzubringen. Das ist für Oldschooler erst mal ungewöhnlich, bietet aber einen ganz neuen Reiz. Wie sonst könnten wir im Theater des Teufels verstorbenen Pharaonen, der Spielzeugkiste des Teufels, einem galaktischen Gorilla-General, einem Maulwurfkult und vielen anderen skurrilen Gestalten begegnen?
Wie immer sind beide Charaktere steuerbar; Sam ist der Organisator und Chef, Max komplementiert das Vorgehen kongenial mit Hilfe seiner psychischen Kräften, wie Gestaltwandlung und Teleportation – Scottie und Star Trek lassen grüßen. Seit einem Jahr funzt der große Spaß schon in Englisch, nun ist die Version eingedeutscht, um auf die Fans losgelassen zu werden. Aber hey, um der Serienauthentizität gerecht zu werden, kann man exklusiv auch die englische Version neben der deutschen goutieren - toller Service. Und wer die englische Version spielt, wird sich nicht weniger vor Lachkrämpfen schützen müssen wie bei der deutschen, die im Übrigen ein großes Arsenal hochkarätiger Sprecherinnen und Sprecher im Lineup hat, unter anderem die deutsche Stimme von Bart Simpson als Max. Passender geht’s ja wohl nicht mehr.
Genau diesen schwarzen Humor, im amerikanischen würde man ihn vielleicht dirty nennen, muss man mögen, um Sam and Max näher kommen zu können. Ist dieses ethische „Problem“ gelöst, steht einer Vielzahl von Aberwitzigkeiten nichts mehr im Wege. Optimal, dass die technischen Voraussetzungen sich auf ein Minimum beschränken; klar läuft’s flüssiger bei stärkeren Brettern, aber auch ein alter Rechner kommt hiermit zurecht. Wie immer, Anachronismus hin oder her, ist das Spiel im guten alten 90er Jahre Start-up-3D gehalten.
Es gibt weitere Besonderheiten: extrem klare Rätselstruktur (also keine unnötigen Gegenstände; das könnten Mansion-Fanatiker schade finden!), pfiffigen Sound und eine angenehme Schwere, die durch Hinweisoptionen innerhalb des Spiels gemildert werden kann. Und wem das Ganze noch nicht rund und geil genug ist, dem sei gesagt, dass als zusätzliche DVD die komplette erste Stafel von 2005 mit sechs Episoden am Start ist sowie jede Menge Trailer, Outtakes, Screenshots-Galerien, Desktop-Hintergründe und spannende Video-Features. Oh wei, der Rezensionsplatz reicht langsam nicht mehr aus; wer jetzt noch länger nachdenkt, ob er für diesen fairen Preis ein dickes Paket ersteigern sollte, dem kann nicht mehr geholfen werden, oder anders: der sollte unbedingt mal einen Tag lang der Partner von Max sein, hehe.
Marco Gerhards
Wir danken dem Verlag/Hersteller für die freundliche Bereitstellung eines
Rezensionsexemplars!