AGRICOLA
Lookout Games
Heidelberger Spieleverlag
Brettspiel
Die klügsten Bauern, kriegen die
dicksten Kartoffeln
Agrarsimulation mit hohem Realitätsfaktor
Nun wird er also doch noch wahr, der altehrwürdige
Hippietraum, von der Kommune, dem selbst angepflanzten Essen, der trauten
Familie und der ländlichen Scholle. Äcker mit Gemüse und Getreide, Nutzvieh
zum Schlachten und Streicheln, Selbstversorgung samt Ausbauen des Hauses mit
Lehm und Schilf oder Transformation in eine Steinhütte: ein wahres Naturidyll
mit Leben und Sterben, mit Wachsen und Gedeihen, mit Mutter Erde und sich
vermehrenden Menschenkindern. Und wo, und wie lässt sich dieser Traum zur Erfüllung
bringen? Ganz einfach, beim sensationell realistischen und komplexen
Agricola-Spiel, welches im Vertrieb des Heidelberger Spielverlags herausgegeben
wird und bereits zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten hat.
Moment, mag da manch einer einwenden, es handelt sich hier
doch gar nicht um einen Hippietraum, sondern um solide Agrarwirtschaft.
Eingebettet und abhängig von den natürlichen Ressourcen verlangt es vom
Spieler vor allen Dingen ökonomisches Geschick mit dem mittelfristigen Ziel,
zum Großbauern aufzusteigen. Und überhaupt, wenn jeder Bauer zum Hippie
umfunktioniert wird, dann hätten wir demnächst statt Wurst Gras auf dem Brot.
Außerdem ist Agricola das lateinische Wort für Landwirt, und das steht für
fromme, einfache und ursprüngliche Lebensweise. Die Wahrheit liegt letztlich
irgendwo dazwischen. Die Hippietraumidee generiert sich aus der Überlegung, das
der Zugang zu den agrarischen Lebenswelten den meisten Menschen, mögen sie noch
so ambitioniert sein, verbaut ist und in diesem Spiel hat man auf sehr
realistische, gut durchdachte und fantastisch simple und zugleich komplexe Art
und Weise die Chance, diese Träume auszuleben und dem Landdasein auf die
Schliche zu kommen. Auch wenn es sich nur um Spielkarten, Holzsteine und
Pappbretter handelt, liebevoll produziert und authentisch eingebaut sind sie
allemal.
Nun bin ich beileibe nicht der Erste, der dies zum Besten zu geben hat. Es
gibt mittlerweile bei Wikipedia einen eigenen Eintrag allein für dieses Spiel.
Uwe Rosenberg, dem kreativen Schöpfer dieses Brettspiels, ist 2007 ein dermaßen
großer Wurf gelungen, dass es eben schon zum guten Ton des Allgemeinwissens gehört
„Agricola“ auf der Agenda stehen zu haben. Allein all die Preise aufzuzählen,
die das Spiel, das Lookout Games produziert hat, gewinnen konnte, würde die
Rezension sprengen; es ist ein modernen Klassiker also, der mittlerweile auch
schon in anderen Sprachen, unter anderem in Koreanisch (!) aufgelegt wurde.
Was ist nun das Tolle an dem Spiel? In erste Linie die leicht zu handhabende Komplexität. Natürlich brauchts Zeit, um sich in die Einleitung reinzuarbeiten, aber durch die stufenweise Heranführung (Familienspiel, darauf aufbauend komplettes Spiel) gelingt es mühelos, denn die Ideen des Hausbaus, der Familiefortpflanzung und des Essenanbaus sind realistisch, sind nachvollziehbar und deswegen auch nachspielbar. Der realistische Reiz sind dann die Erweiterungen, also große und kleine Anschaffungen wie beispielsweise eine Kochstelle (zunächst einmal eine Feuerstelle) oder eine persönliche Weiterbildung respektive die meiner Hausangestellten, was sich natürlich positiv auf eine effizientere Wirtschaftsleistung im Allgemeinen auslöst. Als ernst gemeintes Zwischenfazit: Die Sims als Brettspiel auf dem Land, alles machbar, alles erlebbar.
Weitere Highlights: Das Spiel, ist es denn einmal verstanden und integriert, dauert ungefähr eine halbe Stunde und ist somit auch mal zwischendurch oder vor dem Schlafengehen spielbar, verlangt also keinen ganzen Abend und es verlangt auch keine ganze Meute, nämlich auch alleine ist es im Sinne maximaler Erfolgsausbeute spielbar. Wer darüber hinaus noch Karten, die Klaus Teuber karikieren sollen, oder „Beckenbauer“ und „Netzer“ heißen, einbaut hat sowieso unsere Sympathie.
Abschließend noch einmal; Das Ziel des Spiels ist letztlich immer, genug zu
Essen für die eigene Familie zu haben und am Ende einen prächtigen Hof mit Äckern
und Viehweiden zu bewirtschaften. Und zwar im 17. Jahrhundert, so zumindest die
realistische, historische Einschätzung der Macher. Aber ganz im Ernst: Kann das
nicht heute auch noch passieren? Dann also verwandelt sich der Hippietraum in
pragmatische Lebenswelten, ganz so wie in echt. Und hier hat man die Gelegenheit
ganz schön tief ins Landleben einzutauchen, so wie früher vor 400 Jahren. Es
macht auch heute noch riesigen Spaß!
Marco Gerhards
Wir danken dem Verlag/Hersteller für die freundliche Bereistellung eines Rezensionsexemplars!