A New Beginning

Daedalic Entertainment

PC-Adventure 

Beginner sind Winner

Selten war der Titel eines Computerspiels in doppelter Hinsicht so passend. A New Beginning bezieht sich zum einen auf den Plot der Story, in der ein katastrophales Ökokulturszenario zu einer radikalen Neuausrichtung, die wir als Spieler miterbleben dürfen, führen soll. Auf der anderen Seite aber entstand A New Beginning vor über drei Jahren in den Köpfen der damals frisch aus der Taufe gehobenen Daedalic-Schmiede; also lange vor den Überflieger-Spielen Edna bricht aus und Whispered World: Spiele, die diese Produktionsfirma zu einem fulminanten Geheimtipp in der deutschen Szene haben werden lassen. Aber lange davor war A New Beginning schon erdacht und geliebt, aber aufgrund von unvorhergesehenen Projekten musste es bis zur Realisation und Veröffentlichung in diesem Jahr hinten anstehen.

So wurde aus einem scheinbaren Debütknaller, ein schon jetzt hoch dekoriertes Adventuremeisterwerk, das seine großen Lorbeeren vor allen Dingen durch echtes und klassisches Abenteuerhandwerk ausmacht. Und das sind eine gute Story, eine packend Atmosphäre und knackige Rätsel, die nachvollziehbar, anwenderfreundlich, aber mit der ordentlichen Portion Schärfe garniert werden. Keine umständlichen Optionen von Millionen verrückter Kombinationen wie zu Maniac Mansions Zeiten, aber auch keine vorgegebenen Bilderrätsel mit optionaler Hilfe und Einsteigermodus. Man muss schon selber draufkommen, weniger im Suchbild als in der Kombinatorik. Echtes Spürnasen- und Logikfest also. Und das Ganze ist dermaßen authentisch in die Handlung eingebunden, dass man gar nicht merkt, was grade eigentlich passiert, dass man nämlich rätselt und nicht einen Film schaut.

Einen Ökothriller, einen Zukunftsbladerunner, so darf man sich die Story vorstellen. Öde, in sich selbst implodierend Kulturvölker haben sich als letzte Chance in ihre Bunker zurückgezogen und beauftragen als ultima ratio für die Rettung, die junge Zeitpilotin Fay und ihren intriganten Chef Salvador (alle anderen kommen bei der Aktion ums Leben) in die Vergangenheit zum Forscher Bent nach Norwegen zu reisen, dessen lebenslange Beschäftigung mit Algen als alternative Energiequelle die einzige Chance zu sein scheint, den drohenden Untergang retroperspektiv zu verhindern. Einsteigen tun wir bei Bent, Fay kommt nach einigen gelösten Rätseln ziemlich mürrisch ins Spiel; gemeinsam haben sie nun die Aufgabe, naja, die Welt zu retten und sonst erst mal nichts. Dabei darf man beliebig zwischen beiden Charakteren wechseln, zwei intensive, psychologisch ausgearbeitete, schnell dem Spieler nahe kommende Personen, die trotz aller (auch in der heutigen Presse) Öko-und Umweltschreckensszenarien ihren Humor nicht verloren haben. Die beiden lachen sich fast einen, trotz der Umstände, und das sollten viele andere auch heute tun.

Die musikalische Untermalung ist fantastisch, bizarr, futuristisch, minimalistisch, aber reich an Produktion und Klangfarbe, die komplette Sprachausgabe und die Sound-Fx sind wunderbar. Die Grafik ist gezeichnet, die Videosequenzen im Comicstil ebenfalls; man merkt, dass hier ein drei Jahre altes Spiel mit den ersten Grundzügen weiterverarbeitet wurde. Aber keine Schwäche: Die wenigen Action- und Einspielsequenzen lassen mehr Platz für Räume, fürs Forschen, für das Salz in der Suppe, ergo die Rätsel. Kein überladener Film meines Erachtens, sondern der bewusste Spielcharakter bleibt erhalten. Wie der Medienwissenschaftler sagt: Die Diskrepanz zur Realität muss im Sinne der Illusionsmaximierung erhalten bleiben.

Alles in allem ein großartiges Spiel, bei Daedalic kann man so langsam behaupten, dass sie der Topact deutscher, fast schon europäischer Adventureentwicklung sind. Selbst kleine Highlights wie „Full Pipe“ sehen gut aus neben Giganten wie dem tollen Whispered World. Und das hier ist erst einmal der vorläufige Höhepunkt, vor allen Dingen wegen der Länge, der Dichte und der Balance zwischen Rätselei und Story. Man ist mittendrin, man ist der Abenteurer (respektive das Abenteuerduo) dieser ganzen Rätsel und geht völlig in der dichten und packenden Atmosphäre auf. Viel mehr kann man nicht erwarten .Ein absolutes Topspiel!

Marco Gerhards

Wir danken dem Verlag/Hersteller für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!